05.05.2017

Insel der Gestrandeten

Wenn Ärzte Patienten behandeln, stehen sie häufig unter enormem Druck. Einige zerbrechen daran. Doch über psychische Erkrankungen von Medizinern zu reden ist oft immer noch ein Tabu. Wer heilt, der wird für unverwundbar gehalten. In einer Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie lernen ausgebrannte Ärzte ihr Leben wieder in den Griff zu bekommen.                              

Dr. Gerhard Trammel* wirkt erschöpft. Große dunkle Schatten zeichnen sich unter seinen Augen ab. Immer noch kann er nicht begreifen, wieso es gerade ihn getroffen hat. Er, der immer so stark war, der immer ein Späßchen auf Lager hatte, hatte eigentlich alles erreicht. Jahrelang arbeitete Trammel als angesehener Neurochirurg in einer Kölner Klinik. Er hatte eine liebevolle Familie mit Frau und zwei kleinen Kindern, konnte sich teure Autos und ein großes Haus leisten. Er rettete vielen Patienten das Leben. Trammel funktioniert wie ein gut geöltes Rädchen im Getriebe. Doch in seinem Leben läuft nur scheinbar alles wie geschmiert.

Wenn der Traumberuf zum Albtraum wird

Es ist der zweite Dienst im April, als Dr. Trammel merkt, dass etwas nicht mit ihm stimmt. Als Anfänger war er immer motiviert seinen Patienten bestmöglich zu helfen, er hat sich in die Arbeit gestürzt, die langen 24-Stunden Dienste hat er gut weggesteckt. Er war jung und dynamisch, kompetent, mitfühlend, aufmerksam und sehr belastbar. Ein echter McDreamy wie man ihn aus den bekannten Arztserien à la Grey’s Anatomy kennt. Dr. Trammel arbeitet viel, trotzdem schafft er es irgendwie auch noch Zeit mit seiner Familie zu verbringen. Schlaf und Essen kommen häufig zu kurz, oft schiebt er sich nur einen Müsliriegel zwischen den Operationen in den Mund. Mit den Jahren beginnt etwas an ihm zu nagen. Der Job verlangt ihm über die Zeit viel ab, abends ist er zu müde, um mit seinen Kollegen noch ein Bierchen trinken zu gehen. Am Wochenende sagt er immer häufiger seine Verabredungen zum Skifahren oder Mountainbiken mit Freunden ab. Von Trammel unbemerkt zieht er sich immer mehr von seinen Freunden zurück, der Job wird wichtiger. Sein Chef verlangt Anwesenheit auch an freien Tagen, schließlich ist der Kollege krank und unterbesetzt ist die Station ja eh schon lange. „Wenn einer fehlt, bricht das ganze System zusammen. Krank sein kann man einfach nicht, das sieht die Fabrik Krankenhaus nicht vor. Wie mein Chef immer sagte: Nur, wenn der Kopf ab ist, bleibt man daheim“, erklärt Trammel den Teufelskreislauf.

Es gibt häufiger Streit mit seiner Frau, wenn er es abends nicht zum Essen schafft oder seinen Kindern keine Gute-Nacht-Geschichte vorlesen kann. Trammel ist frustriert, gräbt sich weiter in die Arbeit. Das schlechte Gewissen wird einfach beiseite geschoben. Der nächste Nachtdienst steht an. Es geht um neurologische Untersuchungen, um Überwachung der frisch operierten Patienten, um Auswertung von MRTs. Die Menschen hinter den Gehirnaufnahmen sieht Trammel irgendwann nicht mehr. David, der neue Assistenzarzt, der Dr. Trammel eigentlich entlasten sollte, macht ständig Fehler. Das nervt ihn irgendwann so sehr, dass er den jungen Mediziner vor versammelter Mannschaft anbrüllt. Das kreideweiße Gesicht des jungen Mannes und die herablaufenden Tränen nimmt der Neurochirurg nicht war. Auch die anderen Kollegen nerven Trammel. Er beschimpft sie als faul, wenn sie pünktlich von den Diensten gehen möchten. Schließlich kann Trammel selber ja auch nicht einfach gehen. Er hat die Verantwortung für schwerkranke Patienten. Sie lastet schwer auf seinen Schultern, die zwar stark sind, aber viel zu klein für so eine Bürde. Zweiundzwanzig Menschen betreut er auf seiner Station, viele von ihnen mit zahlreichen schlimmen Begleiterkrankungen.

Doch die größte Verantwortung hat Trammel während der Operationen. Seine Hand muss ruhig operieren, jede falsche Bewegung kann dazu führen, dass sein Patient womöglich nicht mehr laufen oder sprechen kann. Trammel verbringt so viel Zeit mit seiner Arbeit, dass er mehr und mehr in der Klinik zu Hause ist als in seinem eigenen Heim. Dort erwarten ihn nur Streit, Vorwürfe und quengelnde Kinder.  

Zug durch die Dunkelheit

Als er eines Abends von der Arbeit nach Hause kommt, findet der Chirurg ein leeres Haus vor. Die Sachen seiner Frau und Kinder sind weg. Er setzt sich an den Küchentisch und starrt lange ins Leere, doch es fließen keine Tränen. „Ich habe es gar nicht richtig realisiert“, beschreibt Trammel. Der Neurochirurg reißt sich zusammen, schiebt die Gefühle beiseite und macht weiter. Seit diesem Tag fühlt er eine zunehmende Leere und Dunkelheit in sich. Er ist wie ein Zug, der durch den Tunnel rast, doch am Ende ist kein Licht. Trammel stumpft mehr und mehr ab. Die Patienten werden ihm egal. „Irgendwann empfand ich nichts mehr beim Anblick eines schmerzverzerrten Gesichts. Es war mir wurscht, der Patient sollte aufhören zu schreien.“ Wenn sie einem Patienten für die anstehende OP die Haare am Kopf rasieren müssen, sollen sich die Leute nicht so haben. Schließlich wachse ja alles wieder nach. Überhaupt kann Trammel nicht verstehen wieso für seine Patienten so etwas nur wichtig sein kann.

Trammel beginnt die innere Leere durch Zynismus und Aggression zu überspielen. „Ich war immer schlecht gelaunt und habe alle nur angemacht, die mich darauf ansprachen“. Seinen Kollegen erzählt er nicht von der Trennung seiner Frau und seine Freunde hatte er ja schon lange nicht mehr angerufen. Trammel bekam den Spitznamen Miesepeter, aber auf die Idee, dass er Hilfe bräuchte kamen seine Kollegen nicht. Irgendwann fing er an sich selbst Medikamente zu verschreiben. Wenn es ihm schlecht ging, warf er sich Pillen ein. Beruhigungsmittel gegen die Schlafstörungen und Aufputschmittel gegen den Energiemangel. Er musste funktionieren. Trammel bemerkte nicht, dass er bald darauf auch ein Suchtproblem in der Tasche hatte. Trotz der zunehmenden Sinnlosigkeit seines Lebens, arbeitete er weiter. Er machte mehr Überstunden als die Kollegen, war härter im Nehmen und unbeeindruckt von den Schicksalen seiner Patienten. Seine Vorgesetzten lobten ihn als Paradebeispiel eines hart arbeitenden Mitarbeiters. Wochen vergehen so.

Der Ohnmacht so nah

Bis zu dieser einen Nacht, dem zweiten Dienst im April. Dr. Trammel leitet eine hochkomplizierte Gehirn-OP mit besonders feinen Instrumenten unter einem Operationsmikroskop, doch er kann sich einfach nicht konzentrieren. „Meine Hände begannen mitten im OP so stark zu zittern, dass mir das Skalpell aus der Hand gefallen ist“, erzählt Trammel. „Ich ließ mir ein neues steriles Instrument anreichen, doch wieder zitterten meine Finger so stark. Ich konnte nicht operieren“. Trammel übergab die OP an einen Kollegen, er ist so geschockt, dass er an diesem Tag einfach wie gelähmt nach Hause läuft. Dort angekommen, kommen endlich die lang zurückgehaltenen Tränen. „Erst jetzt wurde mir bewusst, dass ich am Ende bin. Alleine, verlassen von Frau und Kindern und operieren konnte ich auch nicht mehr. Ich hatte nichts.“

Gerhard Trammel heult, irgendwann schreit er. Er denkt daran sich das Leben zu nehmen. Die Tabletten sind sowieso schon seine steten Begleiter. Doch aufgeben kommt für den Neurochirurgen zum Glück nicht in Frage. „Mein Vater hat mir auf den Weg gegeben nie aufzugeben und immer weiterzumachen, egal wie dreckig es einem geht.“ Gerhard Trammel nimmt allen Mut zusammen und lässt sich schließlich in eine Privatklinik für Psychiatrie und Psychotherapie einweisen. „Ich hatte Angst. Wollte mir nicht eingestehen, dass ich Hilfe brauchte. Aber ich brauchte sie und tief im Inneren wusste ich, dass ich da nicht mehr alleine rauskomme.“

Herumdoktern statt Hilfe suchen

„Ein Depressionskranker hat Ratschläge und Hilfe von außen bitter nötig, um wieder Distanz zu sich zu bekommen und aus dem Hamsterrad hinauszuklettern“, erklärt Michael Berner, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie am Städtischen Klinikum Karlsruhe. Wir alle kennen Phasen der inneren Erschöpfung, der Wut, der Trauer. Sie können durch viele Ereignisse ausgelöst werden und sind eine normale Reaktion unserer Psyche auf Lebensprobleme. Sobald jedoch der Verlustschmerz oder die Überlastung nachlässt, hellt sich unsere Stimmung wieder auf. Wer an Depressionen leidet, der kann sich aber nicht aus eigener Kraft aus der bedrückten Stimmung befreien.

Berner erklärt: „ Man kann sich nicht selber behandeln, wenn man psychische Probleme hat“. Trotzdem tun genau das viele Ärzte. „Viele doktern nur an ihren Symptomen herum und versuchen, sich mit irgendwelchen Substanzen am Laufen zu halten“, so Berner. Aber genau das ist oft das Fatale. „Das Dumme am Patienten Arzt ist der Arztausweis. Als Mediziner bekommen Sie grundsätzlich fast alles in der Apotheke, wenn Sie es nicht ohnehin schon irgendwo im Medikamentenschrank haben.“

Mediziner leiden im Vergleich zu anderen Berufsgruppen doppelt so häufig unter Suchtproblemen. Experten schätzen, dass 10 bis 15 Prozent aller Ärzte mindestens einmal im Leben abhängig werden, meist von Alkohol, Beruhigungstabletten oder Schmerzmitteln. Sie haben den Zugriff, das Wissen und vor allem haben sie eine enorm hohe Arbeitsbelastung. Ärzte sind täglich mit Krankheit und Leiden, oft auch Tod und Sterben konfrontiert. „In Deutschland und in vielen anderen Ländern ist Selbstmord bei Ärzten auch die häufigste unnatürliche Todesursache“, sagt Berner. Mediziner bringen sich doppelt so häufig um wie Angehörige anderer Berufsgruppen. Bei den Ärztinnen ist die Suizidrate im Vergleich zur weiblichen Allgemeinbevölkerung sogar viermal höher.

Heilen durch Helfen lassen

Seit zwölf Wochen bekommt Dr. Gerhard Trammel nun professionelle Hilfe. Die Klinik hat sich auf Fälle wie seinen spezialisiert. Zuerst musste er auf Station sechs in den Entzug. „Das war eine harte Zeit“, berichtet der Neurochirurg. Er bekam Begleitmedikamente, die Entzugssymptome abmildern sollten. Auch konnte er sich in der „Motivationsgruppe“ mit anderen austauschen und lernte in der „suchtmittelfreien Tagesgestaltung“ wie er ohne die Pillen seinen Alltag meistert. Ergotherapie, Bewegungstherapie, Konzentrationstraining und Entspannungstherapie waren Teil seiner täglichen Therapiestunden. „Irgendwie musste man den Tag ja ausfüllen“.

Nach vier Wochen war er dann soweit, auf Station zwei verlegt zu werden. Hier werden unter anderem Patienten mit Depressionen behandelt. In Einzel- und Gruppentherapien lernt Trammel über seine Gefühle zu sprechen. Das fällt ihm besonders schwer, denn Gefühle hat er schon lange nicht mehr zugelassen. Er bekommt auch „kognitive Verhaltenstherapie“, die Psychologen helfen ihm durch Handlungsanweisungen für den Alltag. In Gesprächen lernt der Chirurg, sich selbst in seiner Schwermut besser zu verstehen und sorgsam mit sich umzugehen. Stressmanagement, progressive Muskelentspannung, Körpertherapien, Musik- und Bewegungstherapien bringen ihn außerdem dazu die innere Balance wiederzufinden, den Körper zu spüren, sich wieder auf ihn zu verlassen. „Bei der Behandlung der Depression ist es wichtig ein umfassendes Behandlungskonzept zu erarbeiten und dazu zählen nicht nur Medikamente“, erklärt Martin E. Keck, Facharzt für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie und ehemaliger Leiter des Fachbereichs „Depression und Angst“ am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München.

Du bist nicht allein

Wichtig ist für Trammels Therapie auch die besondere Berücksichtigung der Belastung am Arbeitsplatz. Stichwort „Burn-Out“. Hier sind aber nicht nur die Therapeuten, sondern vor allem die Arbeitgeber gefragt. „Das „Burn-Out“-Problem darf nicht nur auf das Gesundheitssystem abgeschoben werden, sondern muss in Zusammenarbeit mit Betriebsärzten, Krankenkassen und Politikern angegangen werden“, heißt es im Positionspapier der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN). Man müsse auch die Arbeitsbedingungen so gestalten, dass sie der Entstehung eines „Burn-Outs“ entgegenwirken. Gerade im ärztlichen Alltag, der durch starke berufliche und emotionale Belastungen geprägt ist, ist das eine große Herausforderung. Da ist auch der Einzelne verpflichtet Stressfaktoren entgegenzuwirken.

Hier in der Klinik merkt Trammel, dass er mit seinen Problemen nicht alleine ist. Es geht auch anderen so. Viele hier werden wegen psychischen Erkrankungen behandelt, weil sie im richtigen Leben irgendwann nicht mehr zurechtkamen. Abgeschottet vom normalen Berufs- und Privatleben soll man lernen mit seinen Ängsten und Sorgen umzugehen. „Wir sind eine Insel der Gestrandeten“, bemerkt Trammel trocken. Eine Insel voller Menschen, die so schwere Krisen erlitten haben, dass sie sich in professionelle Hilfe begeben mussten. Nicht nur Ärzte sind dabei, auch Krankenpfleger, Lehrer, Schriftsteller, Juristen, Bäcker und Banker.

Was ist Burn-Out?

Der Begriff „Burn-Out“ wurde durch den New-Yorker Psychoanalytiker Herbert J. Freudenberger Anfang der 1970er Jahre geprägt. Er stellte fest, dass ihn sein Beruf, der ihm bisher Freude bereitet hatte, irgendwann nur noch ermüdete und frustrierte. Ihm fiel auf, dass es auch vielen seiner gestressten Kollegen so ging. Sie wurden mit der Zeit missmutiger und behandelten ihre Patienten zunehmend lieblos und abweisend. Freudenberger definierte das „Burn-Out-Syndrom“ als „einen Zustand erschöpfter psychischer und mentaler Ressourcen, der mit dem Arbeitsleben in ursächlichem Zusammenhang steht“. Heutzutage gibt es viele verschiedene Definitionen, denen gemeinsam ist, dass Betroffene selbst ihr Beschwerdebild als Folge der Arbeitsbelastung sehen. Vor allem betroffen sind dabei Menschen, die in ihrem Beruf viel mit anderen Menschen zu tun haben, pflegende Angehörige und Personen aus dem Managementbereich.

Prinzipiell kann aber jeder Mensch, der durch berufliche und private Situationen extrem belastet ist, ein „Burn-Out“-Syndrom entwickeln. Ursache sind dauerhafter Stress ohne Möglichkeiten zur  körperlichen und seelischen Erholung, was letztlich zu einem Zustand des Ausgebranntseins führt. Dazu zählen beispielsweise Zeit- und Leistungsdruck, Angst um den Arbeitsplatz, hohe Verantwortung bei schlechter Bezahlung, mangelndes Lob, Überforderung im Job oder auch Mobbing. Bestimmte Persönlichkeitseigenschaften scheinen die Entwicklung eines Burn-Out-Syndroms zu begünstigen. So sind besonders häufig stark engagierte und ehrgeizige Personen davon betroffen, die sich selbst unter einen hohen Erfolgsdruck setzten und einen Hang zum Perfektionismus haben. Doch auch der umgekehrte Fall kann zutreffen.

Herbert Freudenberger hat das „Burn-Out“ in zwölf Phasen eingeteilt, die so jedoch nicht wissenschaftlich haltbar sind und außerdem auch nicht den Diagnosekriterien psychischer Erkrankungen entsprechen. „Burn-Out“-Beschwerden werden heutzutage häufig in drei Aspekte unterteilt. Der erste stellt die emotionale Erschöpfung des Betroffenen dar. Man fühlt sich überfordert und ausgelaugt. Energiemangel, Müdigkeit, Niedergeschlagenheit sowie Anspannungszustände kennzeichnen den Alltag und die Patienten sind häufig unfähig sich in der Freizeit zu entspannen. Auch körperliche Symptome wie Magen-Darm-Beschweren, Kopf- und Rückenschmerzen sowie eine vermehrte Infektanfälligkeit können Anzeichen dafür sein. Für die zweite Dimension kennzeichnend ist, dass man anfangs motiviert an die Arbeit gegangen ist und sich nun zunehmend Frustration und Verbitterung breit macht. Man wertet die Arbeit ab und häufig kommt es zu einem Zynismus, der sich nicht nur gegen Arbeitskollegen, sondern auch gegen die eigenen Kunden bzw. Patienten richtet. Das wiederum führt häufig zu Schuldgefühlen bzw. einem Gefühlsverlust (die sogenannte Depersonalisation) bei den Betroffenen. Der dritte Aspekt umschließt schließlich eine verringerte Arbeitsleistung. Man hat den Eindruck nicht gut zu arbeiten, nicht kompetent oder kreativ genug zu sein und leidet unter Konzentrationsstörungen und Arbeitsunzufriedenheit.

Burn-Out oder Depression?

Obwohl man immer häufiger vom „Burn-Out“ hört, ist es keine medizinische Diagnose. In der internationalen Klassifikation psychischer Störungen durch die Weltgesundheitsorganisation zählt das Ausgebranntsein nur zur „Z-Kategorie“, die Probleme mit Bezug auf Schwierigkeiten bei der Lebensbewältigung zählt. Auch im aktuellen Klassifikationssystem der American Psychiatric Association, dem diagnostischen und statistischen Handbuch psychischer Störungen (DSM-5), wird „Burn-Out“ nicht als eigenständige Diagnose aufgeführt. Im Unterschied zur Depression zählt „Burn-Out“ nicht als Behandlungsdiagnose, sondern ist lediglich eine Rahmen- bzw. Zusatzdiagnose. Viele Experten sprechen beim „Burn-Out“ deswegen auch von einer Modediagnose. Trotzdem müssen „Burn-Out-Symptome“ sehr ernst genommen werden.

Die dem „Burn-Out“ zugeschriebenen Anzeichen können auch auf andere psychische Erkrankungen hinweisen und letztlich erhält nur der Betroffene die Diagnose, bei dem andere schwerwiegende Krankheiten wie beispielsweise Neurasthenie (Nervenschwäche), Panikattacken, Depressionen oder allgemeine Ermüdung ausgeschlossen wurde. Bei oben genannten Anzeichen sollte immer eine gründliche medizinische Untersuchung durchgeführt werden, um die richtige gesicherte Therapie für die Erkrankung zu erhalten. Wichtig ist vor allem eine Abgrenzung zur Depression, da diese unter Umständen lebensbedrohlich sein kann, besonders wenn hier eine Unter- oder Fehlversorgung erfolgt.

Empfinden Betroffene Niedergeschlagenheit, Interessen- und Freudlosigkeit, Antriebsmangel, starke Konzentrationsstörungen, Schuldgefühle/Gefühle der Wertlosigkeit oder vermindertes Selbstbewusstsein, leiden an Schlaflosigkeit oder einem zu hohen Schlafbedürfnis, Appetitlosigkeit und einer pessimistischen Zukunftsvorstellung oder äußern sie womöglich sogar Suizidgedanken, sollte man hellhörig werden und sich nicht mit der „Diagnose Burn-Out“ abstempeln lassen. Dabei sind die Übergänge oft fließend. Ein anfängliches „Burn-Out“ kann Auslöser psychischer Erkrankungen wie Depressionen, Angststörungen, Substanzmissbrauch oder einem chronischen Schmerzsyndrom sein. Umgekehrt kann auch eine Depression, Psychose oder beispielsweise eine Krebserkrankung zum „Burn-Out“ führen. Wichtig ist hier die genaue medizinische Diagnostik, um die notwendige gezielte Behandlung so früh wie möglich beginnen zu können.

Schlafmangel, ethische Konflikte und zu hohe Verantwortung

Auch Julia Krahn* ist Patientin der Klinik. Sie sitzt im Aufenthaltsbereich der Einrichtung. Einen Kaffee in der Hand und tiefe Sorgenfalten im Gesicht, erzählt sie ihre Geschichte. Krahn hatte ein gutes Abi, doch es reichte nicht ganz, um Medizin zu studieren, ihren Traumberuf seit Kindheitstagen. Also begann sie eine Ausbildung zur Krankenschwester. Als sich genug Wartezeit angesammelt hatte, bekam sie doch noch den erwünschten Studienplatz. Sie legte ein sehr gutes Examen hin und begann ihre Assistenzarztausbildung in der Inneren Medizin in einer bekannten Münchner Klinik. „Ich war schon immer ehrgeizig“, sagt sie spitz. „Zu ehrgeizig“.

Der Druck steigt unmerklich, aber stetig. Die anfangs hochmotivierte Ärztin gerät immer mehr in die Räder der Mühlen des Komplexes Krankenhauses mit all seinen Fallstricken und Tücken. Mit 33 Jahren scheint sie zwar wie eine erfolgreiche, angesehene Medizinerin - eine, die es „geschafft“ hat, die „angekommen“ ist – doch innerlich merkt sie nicht, welchen hohen Preis sie für ihren immensen Ehrgeiz bezahlt. Sie versucht perfekt zu sein. Für alle Patienten immer das richtige zu geben, den Ansprüchen ihrer Chefs gerecht zu werden und auch noch für ihren Bruder da zu sein, der schwer herzkrank ist. Sie opfert sich auf ohne es zu merken. Teilweise bekommt sie nur vier bis fünf Stunden Schlaf pro Nacht, doch der Schlafmangel ist ihr nicht bewusst. Für sie ist es normal, rund um die Uhr verfügbar zu sein. Zeit für einen Partner oder Kinder hat sie nicht. "Ethikfalle" nennt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund dieses Dilemma, "die Ärzte werden ausgenutzt, weil man weiß, sie lassen die Patienten nicht im Stich".

Gefangen in Unsicherheit

Besonders die Situation als Klinikanfängerin macht Krahn schwer zu schaffen. Es gibt Tage, da fühlt sie sich wie in einem Gefängnis ohne Gitter. Allein auf der Station für 26 Patienten verantwortlich, die meisten davon alt und schwer krank, fühlt sich Krahn überfordert. Doch selbst mit Kollegen ist das eine Sisyphos-Arbeit. Für jede Patientenakte, die abgearbeitet wird, stapeln sich zehn neue auf dem Tisch und für jeden Menschen, den sie sieht, wollen fünf neue mit ihr sprechen. Krank zu machen ist in dieser Situation unvorstellbar. „Wenn ich ausfalle, muss nur ein ohnehin schon überlasteter Kollege meine Arbeit miterledigen“.

Nicht nur zeitlich, auch fachlich sind die meisten Fälle eine Herausforderung für Julia Krahn, die sie alleine nicht zu meistern vermag. Die Unsicherheit nagt an ihr. Hat sie nicht doch etwas übersehen? Sollte sie nicht doch noch einmal Herrn P.’s Akte studieren oder Frau H.’s Blutwerte kontrollieren? Die Angst zu scheitern, zu versagen und einen schlimmen Fehler zu begehen ist enorm. Zudem plagen sie Existenzängste. Verträge ohne Perspektive rauben ihr den letzten Schlaf, sie hangelt sich von einem Einjahresvertrag zum nächsten. Sie fühlt sich ausgeliefert und muss dennoch weiter performen, denn der Chefarzt hat sie damit in der Hand. Schließlich will sie ja ihren Vertrag verlängert bekommen, um ihre Weiterbildung zum Facharzt irgendwann abschließen zu können.

Wie eine Maschine

Julia Krahn hatte schon als Kind immer die Vision wie es als Ärztin sein würde. „Ich wollte Menschen helfen“. Doch das was sie macht, hat nicht immer viel damit zu tun. „Man wird angehalten wirtschaftlich zu arbeiten, das Patientenwohl geht teilweise einfach unter“. Jeden Tag sieht sie von früh bis spät Patienten und dann kommt noch der ganze Papierkram hinzu. Nachts und am Wochenende soll sie dann auch noch Forschung machen, wie vom Chef gewünscht. Die Assistenzärztin kann sich am Ende des Tages nicht einmal mehr an die Menschen erinnern, die sie untersucht und betreut hat. Sie blättert in Laborbefunden ohne sie wirklich zu lesen, sie sitzt in Morgenbesprechungen und Übergaben ohne zuzuhören. Krahn ist abgestumpft, funktioniert nur noch wie eine Maschine.

Gelähmt von der überwältigenden Angst einen schwerwiegenden Fehler begangen zu haben, sitzt sie daheim angekommen häufig nur starr am Küchentisch. Viele junge Kollegen sind orientierungslos, erzählt sie. Aber die meisten würden es irgendwie schaffen sich durch die Assistenzarztzeit zu wurschteln. Bernhard Mäulen vom Institut für Ärztegesundheit in Villingen-Schwenningen erklärt: „Die meisten Mediziner überspielen ihre Probleme. Klappe halten und durch – das hat Tradition in der Medizin“. Der Arztberuf sei eingebettet in ein Klima aus Zeitdruck und Angst. Die Patientenzahl und der Verwaltungsaufwand seien in den letzten Jahren stark gestiegen, erklärt auch Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund. Doch die Ärzte bekämen nicht mehr Stunden und da beginnt das Hamsterrad zu rollen. "Dadurch wird die Motivation der heranwachsenden Ärztegeneration ausgehöhlt“, so Mäulen. Seit 35 Jahren erforscht er die gesundheitlichen Risiken des Arztberufs. Immer häufiger leiden auch junge Ärzte an Depressionen und „Burn-Out“.

Die Pistole auf der Brust

Julia Krahn macht trotzdem weiter, bis es irgendwann nicht mehr geht. Mitten in der Klinik, sie war gerade dabei einen Patienten zu untersuchen, bekommt sie eine Panikattacke. „Ich dachte jetzt ist es aus mit mir“, erinnert sich die Assistenzärztin. Plötzlich begann das Herz wie wild zu flattern, Tränen schossen wie Flutwellen aus ihren Augen, sie schwitzte, der Magen verkrampfte sich und eine übermächtige Angst zu sterben überwältigte die junge Frau. „Meine Kollegen dachten an einen Herzinfarkt und schickten mich gleich in die Notaufnahme des Krankenhauses weiter“. Es ist Krahn peinlich, selbst in einem Patientenbett durch die Krankenhausflure geschoben zu werden, dort wo jeder andere sie sehen kann. „Ich wäre am liebsten im Boden versunken“.

In der Notaufnahme stellt man fest, dass mit ihrem Herz alles in Ordnung ist. Die Scham, die Julia Krahn daraufhin empfindet ist so groß, dass sie sich nicht zurück auf ihre Station traut. Endlich nimmt sie sich ein Herz und lässt sich krank schreiben. Doch Hilfe sucht sie sich nicht. „Danach lag ich tagelang im Bett, schwankend zwischen Panik und Depression. Mein Beruf hat mich auf einmal so angekotzt, ich wollte nie wieder einen Schritt in die Klinik machen und am liebsten nur noch heulend im Bett liegen und nie mehr aufstehen“, erinnert sich die junge Ärztin düster. „Ich konnte einfach nicht mehr. Ich konnte mir nicht vorstellen, wie ich so weiterleben sollte.“ Krahn plagen Selbstmordgedanken. Eine Nachbarin und gute Freundin sieht nach ihr. Bringt ihr Essen, kauft für sie ein, hört ihr zu. Sie setzt ihr schließlich die Pistole auf die Brust: „Wenn du dir nicht Hilfe suchst, dann lasse ich die einweisen.“ Krahn ist erschüttert. Auf Druck ihrer Freundin begibt sie sich schließlich, eher unfreiwillig, in die Klinik. „Das war das Beste was ich in diesem Moment machen konnte“, sagt sie im Rückblick. „Doch damals habe ich den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Ich dachte es gibt einfach keine Lösung für mein Problem. Niemand kann mir helfen.“

Leistungsforderung ohne Rücksicht auf Verluste

Manfred Nelting, Ärztlicher Direktor des Gezeiten Hauses – einem privaten Fachkrankenhaus für Psychosomatische Medizin in Bonn – bestätigt, dass die meisten Ärzte mit psychischen Erkrankungen erst viel zu spät in die Klinik kommen. Er kennt die Gründe, die Ärzte wie Krahn oder Trammel in Depressionen treiben: Der Zeit- und Konkurrenzdruck, die Wissensexplosion, die Grenzen des ärztlichen Handelns, die hohe Verantwortung für den Patienten, der Verwaltungsaufwand, die Fremdbestimmung und das starre System. „Doch wer nur auf andere schielt, verliert sich leicht selbst aus den Augen“ erklärt Nelting. „Die jungen Ärzte werden in der Krankenhausarbeit beinahe militärisch gedrillt, es zählt nur die Leistung. Wer durch diese harte Schule geht, lernt nicht sich mitzuteilen oder Grenzen zu setzen. Der knickt nicht ein, der drückt höchstens weg und arbeitet weiter.“ Es gäbe zwar in den Kliniken Angebote wie sogenannte Balint-Gruppen, in denen sich eine kleine Gruppe von Ärzten unter Leitung eines erfahrenen Psychotherapeuten über Erfahrungen in der Arzt-Patienten-Beziehung austauchen sollen, doch genutzt wird das selten. „Selbst Balint hat den bedrohlichen Geruch des Psychischen“, so Nelting lakonisch. Viele Ärzte rümpfen bei diesem Thema die Nase, so etwas brauche man ja nicht. Wenn einer mit einem Psychologen über psychische Herausforderungen sprechen sollte, dann ja wohl eher die Patienten.

Eine kürzlich im Journal of the American Medical Association erschienene Harvard-Studie wertete insgesamt 54 Studien zum Thema "Depression unter Assistenzärzten" aus. Mit schockierendem Ergebnis. Mehr als 17500 junge Ärzte wurden befragt, wie es um ihre psychische Gesundheit steht. Die Analyse hat Studien ausgewertet, die von 1963 bis 2015 in Europa, Asien, den USA, Afrika und Südamerika zu dem Thema erschienen sind. Je nach Erhebungsmethode leiden demnach zwei von fünf Befragten an einer depressiven Symptomatik oder gar einer Depression.

Resilienzstärkung für Mitarbeiter

An der Uniklinik Mainz wird deshalb ein neues Konzept geprüft, dass speziell für die ärztlichen Mitarbeiter des Krankenhauses erarbeitet wurde. Psychiater Oliver Tüscher vom Deutschen Resilienzzentrum erklärt: „10 bis 30 Prozent aller Mitarbeiter in einem Krankenhaus erfüllen die Zustandsbeschreibung «Burn-Out»“. Zwar wären diese Mediziner und Krankenpfleger nicht alle krank, aber sie seien mit ihrer Arbeit überfordert und emotional erschöpft. Deswegen wurde ein neues Konzept zur Stärkung der Resilienz, das heißt der psychischen Widerstandsfähigkeit, Krisen zu bewältigen, entwickelt. Der Begriff Resilienz kommt ursprünglich aus der Materialwissenschaft und beschreibt einen Zustand, in dem etwas ungeachtet äußerer Einflusse stabil bleibt. Jeder Mensch weist eine unterschiedlich hohe Resilienz, also Widerstandsfähigkeit gegenüber Lebenswidrigkeiten, auf. Persönliche und soziale Ressourcen wie eine intakte Familie, Bezugspersonen, eine harmonische Arbeitsumgebung oder auch eine ausgeprägte emotionale Intelligenz schützen vor dem Absturz in eine tiefe Krise.

Wenn sich die Oberärzte der Mainzer Klinik für Psychiatrie und Psychotherpie nun zur Leitungsrunde treffen, muss ihre Besprechung auf Tüschers Anweisung eineinhalb Minuten warten. In dieser Zeit machen sie spezielle Achtsamkeitsübungen, sie konzentrieren sich ganz auf sich und ihren Körper. Das hilft runterzukommen vom stressigen Alltag und stärkt die Resilienz. Außerdem wurde ein sogenannter „Resilienz-Notfallwagen“ eingeführt. Das ist ein Schiebewagen, den die Pfleger und Ärzte bei besonderem Stress durch die Klinik rollen können und von dem Kaffee ausgeschenkt wird. Er soll die Kollegen zu einer kurzen Verschnaufpause einladen, zum Innehalten und Nachdenken über sich selbst.

Angst vor Statusverlust

In unserer heutigen Zeit, sind solche Konzepte bitternötig. Der Hartmannbund hat mehr als 1300 Assistenzärzte in deutschen Kliniken vom Dezember 2016 bis Januar 2017 befragt wie groß sie ihre Arbeitsbelastung einschätzen. Die Ergebnisse stärken Tüschers Resilienzkonzept: Gut 76 Prozent der Ärzte gaben an, dass sie schon zur Arbeit gegangen sind, obwohl sie krank waren und nicht hätten arbeiten können. Mehr als 70 Prozent macht jede Woche bis zu zehn Überstunden, bei 16 Prozent sind es sogar bis zu 15 Stunden mehr Arbeit als im Vertrag vereinbart. Über die Hälfte der befragten jungen Mediziner gab an, dass ihr Privatleben unter der Arbeit leidet und knapp 30 Prozent empfinden ihre Arbeitsbelastung als so groß, dass sie mit Schlafmangel und gesundheitlichen Problemen zu kämpfen haben. Doch warum ist es immer noch häufig ein Tabu darüber zu sprechen?

Kein Chef will von Arbeitsüberlastung oder emotionaler Erschöpfung seiner Mitarbeiter hören. Oft wird nicht einmal registriert, dass es so etwas überhaupt gibt. Dabei befürchten fast 60 Prozent der deutschen Ärzte laut einer Umfrage des Ärzte-Online-Netzwerks esanum aufgrund eines stressbedingten „Burn-Outs“ längerfristig beruflich auszufallen, den Arztberuf nicht mehr ausüben zu können oder das gesetzliche Renteneintrittsalter von 67 Jahren nicht zu erreichen. Doch zuzugeben, dass man nicht mehr leistungsfähig ist, das können wenige. „Wer möchte schon schwach vor seinen eigenen Patienten dastehen, wenn man ihnen eigentlich helfen soll?“ bemerkt Julia Krahn leise. Gerade für Ärzte gilt, dass sie psychische Schwächen am liebsten verheimlichen oder denken, sie werden damit schon alleine fertig. Sie haben Angst gesellschaftlich und im Kollegenkreis den Status zu verlieren, wenn eine psychische Erkrankung bekannt wird. „Und wenn man ganz ehrlich ist: Mancher Patient tut sich ebenfalls schwer damit, zu akzeptieren, dass auch sein Arzt mal krank ist. Da wird dann schon geredet. Besonders bei psychischen Problemen“, erklärt Michael Berner die Sorgen der Mediziner.

Der unverwundbare Held

Genau darum ist es so wichtig, für dieses Thema zu sensibilisieren. Während bekannte Schauspieler oder Sportler sich immer öfter öffentlich zu ihrem Erschöpfungszustand und Depressionen bekennen und hier die Stigmatisierung langsam abnimmt, hört man selten von Ärzten, die öffentlich zu ihrer psychischen Erkrankung stehen. Wenn sie sich doch einmal in psychische Behandlung begeben, dann eher heimlich. Möglichst ohne, dass Kollegen oder schlimmer noch eigene Patienten von der Krankheit erfahren. Es schwingt immer die Angst mit, als „verwundbarer“ Arzt von der Gesellschaft stigmatisiert zu werden und womöglich seinen Beruf nicht mehr ausüben zu können, selbst wenn die Erkrankung überwunden ist. „Dieses Stigma können wir nur auflösen, wenn wir als Ärzte die Tabuisierung nicht noch durch unser eigenes Verhalten verstärken", betont Michael Freudenberg, Oberarzt in der Gerontopsychiatrie am AMEOS Klinikum in Neustadt. „Als Arzt einen „Burn-Out“ zuzugeben, gilt als Schwäche und wird als Versagen wahrgenommen.“

Auch deshalb, weil viele denken, man müsse als Arzt mehr leisten als andere. Viele überanstrengen sich, weil das Bild vom starken, unzerbrechlichen „Halbgott in Weiß“ noch in vielen Köpfen festsitzt, auch in Medizinern selbst. Die meisten Ärzte haben einen überhöhten Anspruch an sich selbst. Gerade der ältere Kollege ist es gewohnt sich keine Hilfe zu suchen, wenn es ihm mal schlecht geht. "Diese Eigenschaften befähigen ihn einerseits, 72 Stunden Notarztdienst durchzuhalten, ohne zu sagen: Scheiße, ich höre auf, ihr spinnt doch alle", sagt Mäulen. Andererseits stürze sein Selbstwertgefühl rasch ins Bodenlose, wenn ein Arzt seine hohen Anforderungen an sich selbst auf einmal nicht mehr erfüllen könne.

Michael Berner sieht aber noch einen anderen Grund, der zu der bedingungslosen Aufopferung von vielen Ärzten beiträgt. Unser System wählt gezielt leistungsbereite Menschen dafür aus. Das ist an sich eine gute Sache, da man den Belastungen des medizinischen Alltags auch gewachsen sein muss. Doch es gibt auch Schattenseiten: „Die Anforderungen, um den medizinischen Beruf ergreifen zu dürfen, sind sehr hoch: Einser-Abitur, Eignungstest, dann das harte Studium. Da bringen viele schon von zu Hause die Einstellung mit: «Du darfst nicht versagen»“, erklärt Berner.

Mut zum Nein-Sagen

Julia Krahn erhält in der Klinik angekommen eine individuelle Therapie aus Körperarbeit, Psychotherpie, Einzel- und Gruppengesprächen. Das setzt bei ihr neue Energien frei, sie beginnt über sich zu sprechen, lernt achtsam zu sein, auf ihren Körper zu hören und Signale der Überforderung frühzeitig zu erkennen. Vor allem aber lernt sie hier Grenzen und Freiräume zu setzen. „Ich weiß jetzt, dass ich was sagen muss, wenn ich nicht mehr kann. Ich darf nicht mehr alles hinunterschlucken und muss den Mut haben auch mal nein zu sagen.“ Krahn musste sich früher viele Sprüche anhören. „Ein Patient meinte für Ärzte sei es doch normal, dass man 24 Stunden am Tag für sie da ist, egal ob Tag oder Nacht“, erzählt die Ärztin. Das gehöre eben dazu, schließlich hätte sie sich diesen Beruf ja ausgesucht.

Aber besonders die Kollegen und Vorgesetzten waren die härtesten Richter. Krahns Wünsche zum Dienstplan wurden häufig ignoriert und sogar belächelt. Wenn sie nicht leistungsfähig genug sei, dann wäre der Job wohl nichts für sie und sie solle doch einfach kündigen, wurde sie häufig kritisiert. „Jetzt weiß ich, dass ich auf solche Sprüche nichts geben darf. Wenn es mir zu viel wird, dann muss ich meinem Körper eine Auszeit gönnen, egal was andere sagen.“ Deswegen sei sie auch keine schlechtere Ärztin. „Ich möchte gute Medizin machen, dazu gehört aber auch, dass ich mich um mich selbst kümmere“.  Ärztliche Selbstaufgabe nützt keinem Patienten etwas, wenn der Doktor aus Übermüdung wichtige Sachen übersieht. Wer selbst durch die Überlastung im Beruf krank wird, kann keine Patienten mehr heilen. Die menschliche Fürsorge und Verantwortung sind wichtig und dazu gehört auch die Selbstfürsorge und die Fähigkeit eigene Grenzen zu erkennen und zu beachten.

Chance auf ein neues Leben

Trammel und Krahn verstehen sich gut. Sie tauschen sich oft über Erlebtes, über Gefühltes, Sorgen und Wünsche für das zukünftige Leben aus. Besonders in den Gruppensitzungen lernen sie ihre Scham und Angst vor dem Scheitern abzulegen und darüber zu sprechen wie es in ihnen wirklich aussieht. Sie, die eigentlich Patienten behandeln sollten, sind selbst zu Patienten geworden. In den Gesprächen merken sie, dass man sich dafür nicht schämen muss. Die einst hilflos Gestrandeten sind zu Menschen geworden, die den Mut haben offen über ihre psychische Erkrankung zu reden. Zumindest in der Gruppe und unter Kollegen. Trammel und Krahn möchten für diesen Artikel anonym bleiben.

In der Klinik lernen sie auch, wie es nach einem psychischen Zusammenbruch weitergeht. „Das Leben ist nicht zu Ende. Vielmehr kann ich meine Beschwerden als eine Art Weckruf des Körpers sehen, mit dem ich jahrelang Raubbau betrieben habe und als Chance es die nächsten Jahre besser zu machen“, meint Trammel. „Inzwischen weiß ich, dass ich mir das Leben wie bisher nicht mehr antun kann“. Gerhard Trammel hat unterstützt durch Psychotherapeuten den Mut gefunden neue Bewerbungen zu verschicken. „Ich habe keine Angst lange arbeitslos zu bleiben.“

Beworben hat sich Trammel ausschließlich in Kur- und Rehakliniken. Er wünscht sich einen sanften Wiedereinstieg ins Berufleben ohne Notfälle und mit genügend Zeit Patienten als Ganzes zu betrachten sowie ohne Druck zu behandeln. In den OP will er nicht mehr zurück. „Meine Zeit als Neurochirurg ist vorbei“, sagt Trammel und wirkt dabei erleichtert sowie ein Stück weit befreit von der jahrzehntelangen großen Verantwortung. Trammel hat auch wieder Kontakt zu seiner Frau und seinen Kindern aufgenommen. Sie besuchen ihn regelmäßig in der Klinik. Ob es irgendwann wieder ein gemeinsames Familienleben geben wird, weiß er nicht, doch er gibt sich alle Mühe seinen Leben wieder in den Griff zu bekommen.   

Auch Julia Krahn macht sich hier Gedanken um ihre berufliche Zukunft. Die Assistenzarztausbildung in der Inneren Medizin will sie erstmal nicht mehr fortsetzen. „Ich will keine Dreiminutenmedizin mehr, ich möchte für meine Patienten voll da sein und Zeit für sie haben“. Interesse hat sie durch ihren Aufenthalt in der Klinik an der Psychiatrie oder Psychosomatik bekommen. In diesen Fachgebieten hat man Zeit sich ausgiebig mit den Patienten zu beschäftigen, obwohl es auch hier stressig sein kann. Durch ihre Erfahrungen könne sie aber anderen Betroffenen empathischer begegnen und hätte einen ganz anderen Blickwinkel bei der Behandlung. Eins ist jedenfalls für die junge Ärztin sicher „Zu meinem früheren Leben will ich nie wieder zurück.“

* Namen geändert

 

Anmerkung: dieser Beitrag erschien zuerst auf DocCheck.